Die Schlacht um den Monte Pasubio

Herzlichen Dank an Rudi Challupner, welcher mir freundlicherweise die Fotos auf dieser Seite zur Verfügung gestellt hat. Diese entstanden während des Wochenendes vom 02./03.08.2003 auf dem Monte Pasubio. Copyright, etc. liegt selbstverständlich bei Rudi. Ein Klick auf die Bilder stellt sie in Originalgrösse dar.


Schüsse, die die Welt veränderten

Ein strahlend schöner Tag, jener Sonntag des 28. Juni 1914 in Sarajevo. Der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand besucht mit seiner Frau Sophie von Hohenburg die Hauptstadt des k.u.k. Verwaltungsgebietes Bosnien. Gerade vor wenigen Minuten, sind beide einem Bombenattentat um Haaresbreite entronnen. Nur durch Zufall prallte die Bombe, die ihnen galt, auf dem zusammengefalteten Wagendach ab, fiel auf die Strasse und detonierte so unter einem der nachfolgenden Fahrzeuge.

Jetzt, gerade in dem Augenblick, in dem der Wagen der Beiden etwas langsamer fährt, fallen Schüsse aus dem Revolver des serbischen Extremisten Gavrilo Princip und töten sowohl Franz Ferdinand, wie auch seine Gattin. Zwar war dieses Attentat zum Teil stümperhaft, aber dennoch von langer Hand vorbereitet. Die Tatsache, das es mit Wissen und Genehmigung des serbischen Abwehrdienstes und offizieller (geldgebender) russischer Dienststellen stattfand, lässt die Ereignisse in Europa nun überstürzen.

Am 13. Juli 1914 stellt die k.u.k. Monarchie der Regierung in Belgrad jenes Ultimatum, welches das Antlitz Europas für immer verändern sollte. Serbien spielt auf Zeit und ist nicht bereit, das Ultimatum zur Gänze zu erfüllen. Bereits am 28. Juli beginnen die Grenzgefechte und die Beschiessung Belgrads. Obwohl sich die Situation schnell zum Flächenbrand, mit den bekannten Auswirkungen entfacht, bleibt Italien innerhalb des »Dreibundes« zunächst neutral. Doch im Hintergrund werden bereits die "diplomatischen Fäden" gezogen, oder besser gesagt: die Spinnennetze wurden gewoben. .....

Italien tritt in den Weltkrieg ein

Am 26. April 1915 unterzeichnet Italien in London einen geheimen Bündnissvertrag mit der »Entente«. Unter Gewährung grosszügiger Gebietsabtretungen - die zum Teil noch heute Grund für Streitigkeiten zwischen Italien und seinen Nachbarn sind - verpflichtet sich Italien zum Kriegseintritt binnen eines Monats. Mit Russland wird weiters vereinbart, dass das Hauptziel der beiden Parteien, die Niederringung Österreich-Ungarns ist. Hauptbeweggrund dürfte für Italien die Betrachtung der Habsburger Monarchie als direktes Hinderniss der eigenen Expansionsbestrebungen gewesen sein.

Offiziell erklärt Italien am 23. Mai 1915 der k.u.k Monarchie den Krieg. Die k.u.k Armee zieht sich zunächst auf besser verteidigbare Stellungen zurück, die italienische Armee rückt nach und der Krieg beginnt nun auch im Alpenraum. Vom 23. Juni 1915 bis zum 16. März 1916 rennt die italienische Armee am Isonzo in fünf Schlachten völlig ergebnislos gegen die österreichischen Stellungen an, trotz mindestens zweifacher Überlegenheit an Mensch und Material. Sieben weitere Schlachten am Isonzo sollten folgen. Im gleichen Zeitraum bleibt es im Trentino hingegen auf beiden Seiten relativ ruhig. Das gegenseitige Beobachten und Überfallen, dient einzig der Vorbereitung auf den grossen, entscheidenden Schlag. .....

Die Donau-Monarchie schlägt zurück

Die deutsche Oberste Heeresleitung (OHL) und das österreichisch-ungarische Armee Oberkommando (AOK), konnten sich Ende 1915 nicht zu einem gemeinsamen Vorgehen für das Kriegsjahr 1916 einigen. Daher begannen die Gegenmassnahmen der Donau-Monarchie, zur völligen Überraschung der Italiener, nicht auf breiter Front, sondern konzentrierten sich auf den Raum östlich von Rovereto (welches damals im österreichischen Teil des Trentinos lag).

Mit vierwöchiger Verzögerung beginnt in der Nacht zum 15. Mai 1916 unter heftigstem Artilleriefeuer die österreichisch-ungarische Strafexpedition. Nach stundenlangem Trommelfeuer aus allen Kalibern, rücken dicht gedrängte Heeresmassen aus den Tälern an und stürmen die zerschossen italienischen Stellungen auf den Berghöhen. Obwohl sie zum Teil bis zu vier mal von den italienischen Alpini wieder zurückgeworfen werden, können die Kaiserjäger unter erheblichen Verlusten, enorme Geländegewinne verzeichnen. Wegen der verheerenden Wirkung der österreichischen Angriffe, muss die italienische Armee sogar einige Stellungen völlig kampflos räumen.

Lediglich westlich von Schio, im Raum Piano delle Fugazze und am Monte Pasubio können die Italiener, dank rasch herangeführter Verstärkung, ihre letzten Stellungen noch halten. Zusätzlich ist das AOK gezwungen, schnellstens einige Divisionen in den Osten zu verlegen, um die seit dem 04. Juni 1916 in der Bukowina (Ukraine) tobende Brussilow-Offensive abzuwehren. Um Haaresbreite wurde so die absolute Katastrophe verhindert, denn im Prinzip stand das Tor zur venezianischen Ebene weit offen und der Rücken der Isonzofront war in Gefahr gekommen. Die allerletzte Verteidigungslinie der Alpini hatte gehalten und der Monte Pasubio sollte zum Schicksalsberg in den verbleibenden Kriegsjahren werden. .....

Reste italienischer Schützengräben in der zona sacra

Der Monte Pasubio - die »Knochenmühle« der Alpen beginnt zu mahlen

Das was allgemein als "Pasubio" bezeichnet wird, besteht in Wirklichkeit aus drei Berggruppen, mit von einander unabhängigen Bergrücken, die wiederum durch Mulden von einander getrennt sind, und auch als Buse oder Alpi bezeichnet werden: im Norden der zum Col Santo ansteigende Bergrücken, der nördlich ins obere Terragnolotal abstürzt und sich in entgegengesetzter Richtung bis zum Monte Buso ausdehnt; südlich des Col Santo, von diesem durch den Busa di Bisorte getrennt, erhebt sich der zweite, mit Wiesen bedeckte, auf und ab führende Bergrücken, der sich vom Monte Roite bis zum Monte Spil hinzieht, letzterer an das Gemeindegebiet von Trambileno angrenzend. In der Mitte dieses Bergrückens der Monte Testo liegend. Zuletzt der eigentliche Pasubio, mit der Cima Palom, von der sich verschiedene Grate abzweigen, darunter derjenige der zum Corne di Pasubio (nordöstlich) führt, und der dabei die italienische und österreichische Platte berührt, sowie der Lora-Sogi Grat, der sich westlich in Richtung zum Abbruch des Vallarsatals hinzieht. Gianluigi Fait - "non solo armi - Pasubio 1915-1918" (Deutsch / Italienisch)

Nach Abflauen der heftigsten Kämpfe, im Juli 1916, war der Monte Pasubio auf zwei fast parallel verlaufende Kampflinien aufgeteilt und die Schützengräben waren oft nur wenige Meter voneinander getrennt. Der Hauptkampfraum am Monte Pasubio beschränkte sich dabei im wesentlichen auf die sogenannte italienische Platte (dente italiano) und die österreichische Platte (dente austriaco). Da die italienischen Stellungen etwas höher lagen als die Österreichischen, erlitten die Kaiserjäger hier fast täglich empfindliche Verluste durch Handgranatenwürfe.

Bis zum September 1916 bildeten kleinere handstreichartige Unternehmen, welche ohne nennenswerte Ergebnisse blieben, die einzigen Aktivitäten beider Seiten am Pasubio. Die erbitterten Angriffe der Italiener im September und im Oktober 1916 liessen die Kämpfe wieder auf das Schwerste aufflammen. Unter entsetzlichsten Verlusten gelangen ihnen geringe Geländegewinne und sie konnten sich sogar auf der Spitze der österreichischen Platte festsetzen und bis zur Hälfte derselben vorkämpfen. Doch die ebenso verbissenen ständigen Gegenangriffe der Kaiserjäger warfen die Alpini wieder von der Platte, in ihre Ausgangsstellungen zurück.

Ehemalige österreichische Stellungen

Die Verluste waren so enorm, das ein italienischer Augenzeuge schrieb, die schwierigsten Hindernisse, die die Kaiserjäger bei der Rückeroberung zu überwinden hatten, wären die Leichenberge gefallener Italiener gewesen. Buchstäblich war der nackte Fels verdeckt durch tote Körper. Der industrialisierte Tod hatte am Pasubio bis dahin bereits den Blutzoll von über 8.000 Soldaten eingefordert. Nur der in den Bergen als gnadenlos bekannte General Winter, gebot dem Morden 1916 vorerst Einhalt und liess den gefürchteten weissen Tod ebenso reiche Ernte einfahren. Vorerst - bis zur nächsten Schneeschmelze. .....

Der Minenkrieg erreicht den Monte Pasubio

Italienischer Unterstand

Betonierter Kampfgraben auf der österreichischen Platte

Im Laufe des Jahres 1917 waren keine nennenswerten Aktionen zu verzeichnen. Beide Seiten bauten den Pasubio zum befestigten Hochplateau aus. Befestigte Stellungen, betonierte Maschinengewehrbunker, aus dem Fels gehauene Kavernen und Unterstände, sowie Verbindungsgänge durchzogen den geschundenen Berg. Beide Seiten richteten sich ein. Sogar eine Wasserleitung mit einer Leistung von 80.000 Liter täglich, wurde bis in die vordersten italienischen Stellungen gebaut. Nachdem den Österreichern klar wurde, das sie die feindlichen Stellungen nicht mit den sonst üblichen frontalen Sturmangriffen nehmen konnten, begannen sie den Versuch, die italienische Platte mit einer unterirdischen Sprengung zu bezwingen.

Die österreichische und die italienische Platte waren durch einen kleinen Sattel, Eselsrücken genannt, verbunden. Noch im Jahre 1916 wurde unter diesem durch österreichische Pioniere mit den Arbeiten zu einem Minenstollen begonnen. Da derartige Aktivitäten im Vorfeld nur selten vom Gegner unbemerkt bleiben, begannen die italienischen Mineure sofort mit den Gegenmassnahmen. Der unterirdische Minenkrieg ist geprägt vom Stollen in den Berg vorantreiben, von Gegenstollen, Sprengungen und Gegensprengungen. Für die Soldaten beider Seiten eine ungeheure psychische Belastung, wohl wissend, das oft nur wenige Meter unter ihnen, der Gegner gerade den Berg darauf vorbereitet, ihn in die Luft zu jagen. .....

Die Strada delle Gallerie

Nachdem die Österreicher den Monte Maio im Nordosten eingenommen hatten, lag der wichtigste Versorgungsweg auf den Pasubio unter direktem Feuer der Kaiserjäger. Um Alpini, Bersaglieri, Arditi, Infanterie und Nachschub, geschützt vor der gegnerischen Artillerie, in die vordersten Linien bringen zu können, begann man mit dem Bau eines neuen Versorgungsweges. Von März bis Dezember 1917 sprengten 700 italienische Pioniere die sogenannte Strada delle Gallerie aus dem blanken Fels des Pasubiomassivs. Bei gleichbleibender Steigung zwischen 12 bis 22%, führt der Weg durch 52 in den Berg gebohrte und elektrifizierte (!) Tunnels von der Bocchetta Campiglia in eine Höhe von 1.928 m zur Porte del Pasubio. Während der längste Tunnel ganze 378 m misst, führt Tunnel Nummer 20 spiralförmig mehrere Etagen in einem Felsenturm hinauf. Wer den Monte Pasubio über die Strada delle Gallerie besteigen möchte, sollte keinesfalls seine Taschenlampe vergessen.

Der Eingang zum ersten Tunnel

Jeder Tunnel misst mindestens 2,5 m x 2,5 m

Frontverläufe 1915 - 1918

In der elften Isonzoschlacht gelingt es den Italienern 1917 endlich, nach erbitterten und verlustreichen Kämpfen, halbwegs nennenswerte Geländegewinne zu erringen. Zwischen Görz und Flitsch waren dies sage und schreibe ganze 6 Km Boden! Genau so viel, wie in allen zehn Schlachten zusammen. Dafür mussten bis zu diesem Zeitpunkt 770.000 Italiener und 430.000 Österreicher ihr Leben lassen. AOK und OHL fürchten nun einen Durchbruch bei einer weiteren italienischen Offensive. Um dem Gegner zuvorzukommen, verlegt man das Deutsche Alpenkorps, sieben gebirgserprobte deutsche Divisionen, an den Isonzo und beginnt dort am 24. Oktober 1917, trotz vier- bis sechsfacher Überlegenheit der Italiener, die zwölfte Schlacht. Erst Mitte November kann diese Offensive am Piave gestoppt werden (siehe Skizze links). Wieder war Fortuna auf Seiten der Italiener, denn die Auswirkungen wären verheerend gewesen. .....

Das Ende

Die Arbeiten am Ellison-Minenstollen zogen sich bis in das Jahr 1918 hinein. In den frühen Morgenstunden des 13. März 1918 wurde die gewaltigste Minensprengung des 1. Weltkrieges gezündet. Die Explosion von 50.000 Kg Sprengstoff war so gewaltig, das selbst aus kilometerweit entlegenen Stolleneingängen noch die Stichflammen der Sprenggase aus dem Berg fuhren! Seltene Fotodokumente von der österreichischen Seite aus belegen dies eindrucksvoll. Mit gewaltigem Donner stürzte die Spitze der italienischen Platte ein und begrub die Besatzung von etwa 800 Mann unter Tonnen von Fels. Dort liegen sie noch heute.

Die Eroberung des Monte Corno durch italienische Elitetruppen der Arditi im Mai 1918 und mehrfache erfolglose Rückeroberungsversuche waren die letzte namhafte Handlung des Jahres 1918 am Pasubiomassiv. Mit dem Waffenstillstand vom November 1918 zogen die Kaiserjäger ab und überliessen den Monte Pasubio kampflos den Italienern. An der gesamten Alpenfront erfochten nun die Italiener ihre Siege - zum Teil unter Bruch des Waffenstillstandes - an einer müde nach Hause gehenden Truppe. Nach Hause gehend in eine instabile und ungewisse Zukunft, die im Zeichen von Bürgerkrieg, Vertreibungen und ethnischen Konflikten steht. .....

Epilog

Die Reste der italienischen Platte

Untewrhalb der italienischen Platte das Trümmerfeld

Auf der österreichischen Platte - in memoriam

Kriege werden nicht durch einzelne Schlachten gewonnen oder verloren, aber manchmal werden an besonderen Orten die Weichen für den Ausgang gelegt. Der Monte Pasubio war ein solcher Ort. Nur (ehemalige) Gebirgssoldaten können überhaupt erahnen, wie die Soldaten beider Seiten litten. Allein am Pasubio hatte die italienische Armee in 2 ½ Kriegsjahren Verluste von 36.500 gefallenen, verwundeten oder vermissten Soldaten zu beklagen. Wer heute auf dem Pasubio durch das ehemalige Hauptkampfgebiet - die Zona Sacra - wandert, sollte sich andächtig bewusst sein, das alleine auf diesem kleinen Fleckchen Fels, über 13.000 Mann beider Seiten ihr Leben verloren.

Lag 1914 die Grenze zwischen Österreich-Ungarn und Italien zu weit südlich, so liegt sie heute viel zu weit nördlich. Das Los der Südtiroler nach 1918 war Unterdrückung, Vertreibung und Enteignung. Von Mussolini zwangsweise italienisiert oder vertrieben, wurde es nach 1945 keineswegs besser. Repressive Massnahmen Roms haben eine ganze Generation nicht richtig (Deutsch) lesen und schreiben erlernen lassen. Um ihre Identität fürchtend, antworteten die Südtiroler teilweise mit bewaffneten Widerstand bis in die 70er Jahre hinein. Auch wenn es heute friedlich ist in Südtirol und der Nationalitätenkonflikt offiziell beigelegt ist, sollte man nicht vergessen, dass hier Konfliktpotential für die Zukunft liegt. Trotz oder gerade wegen eines zusammenwachsenden Europas. .....


[ Zurück zur Startseite ] | [ Zurück zur Auswahl Historische Themen ]